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Die Blut-Hirn-Schranke (BHS) - Bewertung

Im folgenden werden wichtige Studien zu diesem Thema vorgestellt und nach den Maßstäben des BfS bewertet:

Studie von Fritze et al. (1997)

Bewertung des BfS

Studie von Tsurita et al.(2000)

Bewertung des BfS

Studie von Finnie et al. (2002)

Bewertung des BfS

Studie von Salford et al., 2003

Bewertung des BfS

Studie von Fritze et al. (1997)

Eine umfassende Studie zur Blut-Hirn-Schranke mit dem Titel "Effect of global system for mobile communication (GSM) microwave exposure on blood-brain barrier permeability in rat" (Auswirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder des GSM-Standards auf die Durchlässigleit der Blut-Hirn-Schranke von Ratten) wurde 1997 von der Arbeitsgruppe Fritze et al. durchgeführt.

Männliche Ratten (Gewicht 250-300 g) wurden für die Dauer von 4 Stunden gezielt im Kopfbereich hochfrequenten elektromagnetischen Feldern entsprechend dem deutschen Mobilfunkstandard GSM 900 ausgesetzt. Die spezifischen Absorptionsraten (SAR) im Kopf der Tiere betrugen 0.3, 1.5 und 7.5 W/kg und deckten somit die Bereiche unterhalb und oberhalb des Teilkörpergrenzwertes von 2 W/kg ab. Während die Exposition mit den beiden niedrigeren SAR-Werten unter der typischen, niederfrequent mit 217 Hz "gepulsten" Mobilfunk-Sendecharakteristik erfolgte, wurde für die Exposition mit 7,5 W/kg das ungepulste Signal eingesetzt.

Es wurde ein Expositionssystem verwendet, in dem pro Anlage 10 Tiere gleichzeitig exponiert werden können. Die Tiere befinden sich in Röhren, die wie Speichen eines Rades zum Mittelpunkt hin ausgerichtet sind, wo sich die Quelle der hochfrequenten elektromagnetischen Felder befindet. Durch Bewegungen der Tiere verursachte Schwankungen der des Energieeintrags (SAR; spezifischen Absorptionsrate) in die Köpfe der Versuchstiere können so minimiert werden.

Zur Bestimmung der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke wurde der Übertritt des Eiweißes Albumin aus dem Blut ins Gehirn mit einem für Albumin spezifischen Antikörper nachgewiesen. Die Auswertung der Albuminübertritte ("Albuminspots") erfolgt mikroskopisch. Diese Methode stellt ein übliches Untersuchungsverfahren für den Grad der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke dar. Zusätzlich wurden die Präparate auf das Vorhandensein geschädigter Nervenzellen untersucht. Hierfür werden die Nervenzellen mit speziellen Farbstoffen angefärbt. Veränderungen z.B. der Form lassen sich danach mikroskopisch erkennen.

Bei der Hälfte der Tiere wurden diese Untersuchungen sofort nach der Feldexposition durchgeführt, bei der anderen Hälfte 7 Tage danach.

Hierdurch sollten einerseits Effekte aufgedeckt werden, die erst zeitverzögert auftreten, andererseits kann auch festgestellt werden, ob auftretende Effekte anhaltender oder vorübergehender Natur sind.

Zusammenfassung der Ergebnisse

a) Untersuchung sofort nach Feldexposition:

Im Vergleich zu den Käfigkontrollen und auch zu den scheinexponierten Tieren trat in einigen der mit 0.3 und 1.5 W/kg exponierten Tiere eine leichte Zunahme an Albuminübertritten ("Albuminspots") auf. In den 10 Tieren einer Gruppe wurden insgesamt 7 bzw. 6 Albuminspots nachgewiesen, d.h. 0,7 (bei SAR 0.3 W/kg) bzw. 0,6 Spots/Tier (bei SAR 1.5 W/kg). Dieser Effekt war statistisch nicht signifikant. Ein statistisch signifikanter Anstieg der Albuminspots wurde erst bei der über dem Grenzwert liegenden spezifischen Absorptionsrate von 7,5 W/kg beobachtet, ebenfalls nur in einem Teil der exponierten Tiere.

b) Untersuchung nach 7 Tagen

Die Zahl der Albuminspots entsprach in allen Gruppen derjenigen der nicht-exponierten Kontrollen, d.h. auch bei den hoch exponierten Tieren waren keine Albuminübertritte nachweisbar.

c) Geschädigte Nervenzellen wurden in keiner der Gruppen gefunden.

Fazit der Autoren

Die Autoren kommen zu der Schlussfolgerung, dass hochfrequente Strahlung bei den Frequenzen und Intensitäten, wie sie bei der Nutzung von Mobiltelefonen auftreten, keine bzw. nur vernachlässigbare Auswirkungen auf die Blut-Hirn-Schranke hat.

Das BfS beurteilt die Studie folgendermaßen:

Die Studie ist methodisch, vor allem hinsichtlich der Exposition der Tiere, sehr sorgfältig durchgeführt, die Versuche sind ausführlich und nachvollziehbar beschrieben. In dieser Studie wurde erstmalig der Aspekt eines möglichen zeitverzögerten Auftretens von Schäden bzw. die Reversibilität eines sofort auftretenden Effekts untersucht. Das Fazit der Autoren hinsichtlich der Ergebnisse dieser Studie ist nachvollziehbar. Sofern überhaupt Albuminübertritte detektiert wurden, waren diese minimal. Hinweise auf gesundheitlich relevante Effekte unterhalb der Grenzwerte ergeben sich aus dieser Studie nicht.

Literatur

Fritze K., Sommer C., Schmitz B., Mies, G., Hossmann, K.-A., Kiessling, M., Wiessner, C. (1997), Effect of global system for mobile communication (GSM) microwave exposure on blood-brain barrier permeability in rat, Acta Neuropathol 94: 465-470

Studie von Tsurita et al. (2000)

Die Arbeitsgruppe Tsurita et al. führte 2000 Untersuchungen zur Blut-Hirn-Schranke an männlichen Ratten mit dem Titel "Biological and morphological effects on the brain after exposure of rats to a 1439 MHz TDMA field" (Biologische und morphologische Effekte auf das Gehirn nach Exposition von Ratten mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern des TDMA-Standards bei einer Frequenz von 1439 MHz) durch.

Die Ratten wurden wiederholt (2 Stunden pro Tag an 5 Tagen pro Woche für die Dauer von 2 bzw. 4 Wochen) gezielt im Kopfbereich Feldern des japanischen Mobilfunks (TDMA, 1,44 GHz) ausgesetzt. Es wurde ein Expositionssystem verwendet, in dem pro Anlage 6 Tiere gleichzeitig exponiert werden können. Die Tiere befanden sich in Röhren, die wie Speichen eines Rades zum Mittelpunkt hin ausgerichtet sind, wo sich die Quelle der hochfrequenten elektromagnetischen Felder befindet. Durch Bewegungen der Tiere verursachte Schwankungen des Energieeintrags (spezifischen Absorptionsraten; SAR) konnten so minimiert werden. Der SAR-Wert im Kopf, d.h. die im Gewebe absorbierte Energie in W/kg Körpergewicht, betrug 2 W/kg.

Zur Bestimmung der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke wurden zwei unter-schiedliche Nachweismethoden gewählt. Einem Teil der Tiere wurde ein Farbstoff (Evans Blau) injiziert und untersucht, in welchem Umfang der Farbstoff die Blut-Hirn-Schranke passieren kann. Bei einem anderen Teil der untersuchten Tiere wurde der Übertritt eines bestimmten Eiweißes (Albumin) aus dem Blut ins Gehirn mit einem für Albumin spezifischen Antikörper mikroskopisch nachgewiesen. Beide Methoden stellen anerkannte Nachweisverfahren für den Grad der Durchlässigkeit der BHS dar.

Zusätzlich wurden die Tiere auf Veränderungen im Kleinhirn untersucht. Auch die durchschnittliche Körpermasse der Tiere wurde bestimmt, da diese z.B. durch Stress beeinflusst werden kann.

Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammengefasst werden:

Es konnte kein Einfluss der Feldexposition auf die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, kein Übertritt von Evans-Blau oder Albumin und kein Einfluss auf die untersuchten Parameter im Kleinhirn oder die Körpermasse nachgewiesen werden.

Das Fazit der Autoren lautet:

Die in der Studie verwendeten Felder entsprechend dem japanischen Mobilfunkstandard bewirken bei den Intensitäten, wie sie bei Mobilfunknutzung auftreten, keine nachweisbaren Veränderungen. Weder wurde die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinflusst, noch zeigten sich Veränderungen im Kleinhirn oder bei der Körpermasse der Tiere.

Das BfS beurteilt die Studie folgendermaßen:

Die Studie ist hinsichtlich der Exposition der Tiere sorgfältig durchgeführt, die experimentelle Durchführung ist nachvollziehbar beschrieben. Ein Vorteil der Studie liegt in der mehrfachen Exposition der Tiere täglich über zwei längere Zeiträume (2 bzw. 4 Wochen) hinweg. Unter diesen Expositionsbedingungen wurden keine Hinweise auf eine Schädigung der Blut-Hirn-Schranke gefunden. Da jedoch nur zwei Tiere pro Gruppe auf Evans-Blau und nur vier Tiere pro Gruppe auf Albuminübertritte untersucht wurden, ist die Aussagekraft der Studie begrenzt. Für eine belastbare Aussage ist die untersuchte Tierzahl zu gering.

Literatur

Tsurita G., Nagawa H, Ueno S., Watanabe S., Taki, M., (2000) Biological and morphological effects on the brain after exposure of rats to a 1439 MHz TDMA field, Bioelectromagnetics 21: 364-371

Studie von Finnie et al. (2002)

Die australische Arbeitsgruppe um Finnie untersuchte in dieser Langzeitstudie mit dem Titel "Effect of long-term mobile communication microwave exposure on vascular permeability in mouse brain" (Effekte einer Langzeit-Exposition mit Mobilfunkfeldern auf die Durchlässigkeit der Blutgefäße im Maus-Gehirn) den Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder des Mobilfunks nach GSM 900 Standard auf die Blut-Hirn-Schranke in weiblichen Mäusen. Die Tiere wurden 1 Stunde pro Tag, 5 Tage pro Woche über einen Zeitraum von 104 Wochen, d.h. annähernd 2 Jahre, beginnend im Alter von 8 Wochen unter Fernfeldbedingungen exponiert. Es wurde ein Expositionssystem verwendet, in dem mehrere Tiere gleichzeitig exponiert werden können. Die Tiere befinden sich hierbei in Röhren, die wie Speichen eines Rades zum Mittelpunkt hin ausgerichtet sind, wo sich die Quelle der hochfrequenten elektromagnetischen Felder befindet. Durch Bewegungen der Tiere verursachte Schwankungen des Energieeintrags in den Kopf der Tiere (spezifischen Absorptionsrate; SAR) können so minimiert werden.

Die durchschnittlichen SAR-Werte, d.h. die im Gewebe absorbierten Energien in W/kg Körpergewicht, betrugen 0.25, 1, 2 und 4 W/kg. Zur Bestimmung der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke wurde der Übertritt des Eiweißes Albumin aus dem Blut ins Gehirn mit einem für Albumin spezifischen Antikörper nachgewiesen. Diese Methode stellt ein übliches Nachweisverfahren für den Grad der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke dar.

Es wurden Käfigkontrollen, schein-exponierte Kontrollen sowie Positivkontrollen mit den tatsächlich exponierten Tieren verglichen. Die Gehirne der Tiere wurden in 3 unterschiedlichen Schnittebenen untersucht, um Albuminübertritte in den unterschiedlichen Hirnarealen nachweisen zu können. Die Tierzahl in den einzelnen Gruppen betrug 21 (Käfigkontrolle), 38 (Scheinexposition), 37 (0.25 W/kg), 39 (1 W/kg), 23 (2 W/kg) und 39 (4 W/kg), d.h. es wurden zwischen 63 und 117 Präparaten pro Gruppe ausgewertet, was eine belastbare Aussage ermöglicht.

Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammengefasst werden:

In allen Tieren fanden sich nur minimale Albuminübertritte, es waren höchstens 3 einzelne Kapillaren (kleine Blutgefäße) pro Gehirn betroffen. wobei keine signifikanten Unterschiede zwischen den nicht exponierten Kontrollen und den exponierten Gruppen beobachtet wurden. Es trat kein dosisabhängiger Effekt (d.h. keine Zunahme an Albuminübertritten mit steigender spezifischer Absorptionsrate auf.

Das Fazit der Autoren lautet:

Unter den Bedingungen der durchgeführten Langzeit-Exposition waren die nachweisbaren Einflüsse der untersuchten mobilfunktypischen Felder bis zu 4 W/kg auf die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke vernachlässigbar.

Das BfS beurteilt die Studie folgendermaßen:

Es erfolgte eine quantitative Auswertung der Präparate, d.h. die Albuminspots wurden ausgezählt. Die Auswertung wurde von zwei Pathologen unabhängig voneinander geblindet durchgeführt, d.h. den auswertenden Personen war nicht bekannt, ob das Präparat von einer Kontrolle oder einem exponierten Tier stammt. Hierdurch wurde eine vorurteilsfreie Beurteilung der Präparate sichergestellt. Die Studie ist besonders relevant für die Beurteilung von Langzeiteffekten bei chronischer Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern. Sie ist methodisch, vor allem hinsichtlich der Exposition der Tiere, sorgfältig durchgeführt, die experimentellen Bedingungen werden ausführlich beschrieben. Die Bewertung der Autoren hinsichtlich der Ergebnisse der Studie ist nachvollziehbar. Hinweise auf gesundheitlich relevante Effekte auf die Blut-Hirn-Schranke unterhalb der Grenzwerte ergeben sich aus der Studie nicht.

Literatur

Finnie J.W., Blumberg, P.C., Manavis J., Utteridge, D., Gebski, V., Davies, R.A., Vernon-Roberts, B., Kuchel, T.R. (2002) Effect of long-term mobile communication microwave exposure on vascular permeability in mouse brain, Pathology 34, 344-347

Studie von Salford et al. (2003)

Von den Arbeitsgruppen Salford und Persson wurden in den 90er Jahren mehrere Studien veröffentlicht, in denen eine erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für das Eiweiß Albumin bei zum Teil sehr geringen spezifischen Absorptionsraten beschrieben wird (Salford et al. 1993, 1994, Persson et al., 1997). Beobachtet wurden die Effekte sowohl bei "gepulsten" als auch bei "ungepulsten" Feldern. Die aktuelle Studie der Arbeitsgruppe erregte besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und wird daher hier ausführlicher besprochen:

In der Studie von 2003 mit dem Titel "Nerve cell damage in mammalian brain after exposure to microwaves from GSM mobile phones" (Schädigung von Nervenzellen in Säugetiergehirnen nach Exposition mit hochfrequenten Feldern von GSM Handy). Untersucht wurde der Einfluss hochfrequenter elektromagnetischer Felder des Mobilfunks nach GSM 900-Standard auf die Blut-Hirn-Schranke in Ratten. Die Tiere wurden einmalig für zwei Stunden exponiert, die berechneten durchschnittlichen SAR-Werte (d.h. die im Gewebe absorbierte Energie in W/kg Körpergewicht) betrugen 0.002, 0.02 und 0.2 W/kg. Die beiden niedrigeren Werte liegen unterhalb des empfohlenen Wertes für die Ganzkörperexposition von 0,08 W/kg. 50 Tage nach der Exposition wurden die Tiere auf Albuminübertritte und neuronale Schäden untersucht. Der Übertritt des Eiweißes Albumin aus dem Blut ins Gehirn wurde mit einem für Albumin spezifischen Antikörper nachgewiesen. Diese Methode stellt ein übliches Untersuchungsverfahren für den Grad der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke dar. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die Untersuchung der Tiere auf das Vorhandensein geschädigter Nervenzellen (sog. "dunkle Neurone"). Hierfür wurden Nervenzellen in den Schnittpräparaten mit dem Farbstoff Cresyl-Violett angefärbt. Veränderungen z.B. der Zellform lassen sich danach mikroskopisch erkennen.

Die Ergebnisse können folgendermaßen zusammengefasst werden:

50 Tage nach der einmaligen, 2-stündigen Exposition zeigten die gegenüber den elektromagnetischen Feldern exponierten Tiere Albuminübertritte sowie zahlreiche abnormale Nervenzellen ("dunkle Neurone") in allen untersuchten Hirnarealen. Das Auftreten dieser "dunklen Neurone" war bereits bei der niedrigsten spezifischen Absorptionsrate von 0,002 W/kg nachweisbar. Bei 0.02 W/kg wurde das Maximum der Anzahl der Schäden (ca. 2 % "dunkle Neurone") erreicht, der 10-fach höhere SAR-Wert von 0,2 W/kg führt zu keiner weiteren Verschlechterung der Schadensbilder. In scheinexponierten Tieren wurden entweder keine oder nur vereinzelte Albuminspots gefunden und nur in einem Tier trat eine geringe Anzahl dunkler Neurone auf.

Das Fazit der Autoren lautet:

Die Autoren bewerten die Ergebnisse der Studie als hochsignifikanten Hinweis auf neuronale Schäden nach Exposition mit elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks. Aufgrund des Alters der untersuchten Ratten sehen sie vor allem Parallelen zu jugendlichen Handy-Nutzern.

Das BfS beurteilt diese Studie folgendermaßen:

Zur experimentellen Durchführung ist folgendes anzumerken:

  • Auf Käfigkontrollen und Positivkontrollen wurde verzichtet, die für die Beurteilung des Feldeffektes entscheidende Kontrolle mit scheinexponierten Tieren wurde jedoch durchgeführt.
  • Die mikroskopische Auswertung erfolgte geblindet, d.h. der auswertenden Person war nicht bekannt, ob das Präparat von einer Kontrolle oder einem exponierten Tier stammt. Hierdurch wurde eine vorurteilsfreie Auswertung der Präparate gewährleistet.
  • Es fehlt die Angabe, wie viele Schnitte pro Tier ausgewertet wurden. Da nur wenige Tiere (8 pro Gruppe) untersucht wurden, wäre diese Information für die Beurteilung der statistischen Belastbarkeit hilfreich gewesen, auch im Vergleich zu den hier angesprochenen Arbeiten von Finnie et al, Fritze et al. sowie Tsurita et al., in denen die Zahl der pro Tier gefertigten Schnitte angegeben wurde.
  • Die Auswertung der "dunklen Neuronen" erfolgte halb-quantitativ, d.h. die Präparate wurden in 3 Schadensgruppen (0 = keine oder nur vereinzelte dunkle Neurone; 1 = moderates Auftreten von dunklen Neuronen oder 2 = zahlreiches Auftreten von dunklen Neuronen) eingeteilt, was im Vergleich zu einer quantitativen Auswertung (Auszählen) subjektiver ist. Eine quantitative Auswertung hätte die Aussagekraft der Studie erhöht.
  • Eine quantitative Auswertung der Albuminspots erfolgte nicht oder wurde zumindest nicht präsentiert. Es werden lediglich zwei Abbildungen veröffentlicht, bei denen jedoch die Beschriftung nicht ausreicht, v.a. fehlen Angaben zu den SAR-Werten. Eine ursprünglich in der Arbeit verwendete Abbildung bezüglich der Albuminübertritte wurde nach internationaler Kritik von den Autoren ausgetauscht, da sie geeignet war, Missverständnisse beim Betrachter hervorzurufen. Die ursprünglich veröffentlichte Abbildung stammte aus einer 10 Jahre alten Arbeit desselben Autors (Salford et al., 1994, Microscopy Research and Technique 27: 535-542) und zeigte ein Präparat unmittelbar nach Exposition mit 3.3 W/kg (d.h. 40 x über dem Grenzwert). Es war mithin ungeeignet, die Ergebnisse der aktuellen Arbeit zu dokumentieren.
  • In den übrigen hier vorgestellten Arbeiten (Finnie et al., Fritze et al. und Tsurita et al.) wurden Expositionssysteme verwendet, in denen mehrere Tiere gleichzeitig exponiert werden können. Die Tiere befinden sich in Röhren, die wie Speichen eines Rades zum Mittelpunkt hin ausgerichtet sind, wo sich die Quelle der elektromagnetischen Felder befindet. Durch Bewegungen der Tiere verursachte Schwankungen der spezifischen Absorptionsraten werden auf diese Weise minimiert. Von der Arbeitsgruppe Salford werden hingegen sogenannte TEM-Zellen benutzt. Eine TEM-Zelle ist ein geschlossener Wellenleiter, in dem sich Transversale-Elektro-Magnetische Wellen ausbreiten. Die Tiere befinden sich in einer 12 x 12 x 7 cm großen Plastikschale innerhalb der TEM-Zelle (15 x 15 x 15 cm) und können sich - in vermutlich unterschiedlichem Maße, abhängig von Größe und Gewicht - in dieser Schale umdrehen und bewegen. Hierdurch wird die Schwankungsbreite der SAR-Werte im Vergleich zu den oben beschriebenen "Karussell-Setups" größer. Sollten pro TEM-Zelle zwei Tiere gleichzeitig exponiert worden sein, wäre zudem der Abstand zwischen Kopf und Strahlenquelle und damit der Energieeintrag in den Kopf der Tiere unterschiedlich, je nach dem, ob sich das Tier im Einschub oberhalb oder unterhalb der Strahlenquelle befindet. In der Arbeit fehlen Angaben darüber, wie viele Tiere gleichzeitig exponiert wurden, bzw. in welchem Zeitraum die Exposition der insgesamt 32 Tiere stattfand.
  • Es wurden männliche und weibliche Ratten unterschiedlichen Alters (zwischen 12 und 26 Wochen) und unterschiedlichen Gewichts (zwischen ca. 191 und 373 g) untersucht. Da Größe und Volumen der Tiere die Feldverteilung in den TEM-Zellen und die von den Tieren tatsächlich absorbierte Energie beeinflussen, wäre eine größere Einheitlichkeit schon aus Gründen der Reproduzierbarkeit der Arbeit wünschenswert gewesen.
  • Bei den genannten SAR-Werten handelt es sich um indirekte Berechnungen, nicht um Messungen. Die Autoren beziehen sich auf alte Arbeiten (Martens et al., 1993 bzw. auf nicht veröffentlichte Referenzen (Malmgren, 1998 Es kann nicht nachvollzogen werden, inwieweit die alten Berechnungen für die aktuell durchgeführten Experimente gültig sind bzw. inwieweit seit 1993 entwickelte Verbesserungen der numerischen und experimentellen Methoden berücksichtigt wurden. Insgesamt stellt die entweder nicht ausreichend durchgeführte oder zumindest nicht ausreichend dokumentierte Ermittlung der tatsächlichen Exposition der Tiere einen Schwachpunkt der Arbeit dar.

Die Ergebnisse, zu denen die Autoren gelangen, werden folgendermaßen beurteilt:

Der Ausdruck "dark neurons" ("dunkle Neuronen") bezeichnet ursprünglich eine Anfärbbarkeit geschädigter Nervenzellen mit silberhaltigen Verbindungen. Was diese stärkere Anfärbbarkeit verursacht, ist unbekannt. Ihr Auftreten wird als Hinweis auf Nervenzellschäden angesehen, kann jedoch sehr unterschiedliche Ursachen haben, darunter einige experimentell bedingte wie unvollständige Fixierung der Präparate, mechanische Einwirkungen, nach dem Tod auftretende Erschütterungen u.a. Unter der Voraussetzung, dass die experimentelle Durchführung und Aufarbeitung der Präparate bei scheinexponierten Kontrollen und exponierten Tieren genau gleich war, dürften diese möglichen Fehlerquellen aber keine Rolle spielen. Insofern ergeben sich aus der Beschreibung der Methoden keine erkennbaren Hinweise darauf, dass die Nervenzellen durch die Handhabung während der Präparation geschädigt wurden (präparationsbedingte Artefakte).

Vohra et al. (2002) beschreiben allerdings das Auftreten dunkler Neurone als "bisher nicht näher aufgeklärtes Altersphänomen" und weisen darauf hin, dass sich die Zahl dunkler Neurone schon bei 6 Monate alten Ratten im Vergleich zu 3 Monate alten Tieren annähernd verdoppelt. Da die von Salford untersuchten Tiere diese Altersspanne umfassen und keine Angaben über die Altersverteilung zwischen Kontrollen und exponierten Tieren zum Zeitpunkt der Untersuchung vorliegen, können Alterungsprozesse als Ursache zumindest nicht ausgeschlossen werden.

Salford et al. vertreten die Ansicht, dass die als "dunkle Neuronen" sichtbaren Nervenzellschäden durch Albuminaufnahme verursacht wird, erwähnen jedoch nicht, ob ein räumlicher Zusammenhang zwischen den Albuminspots und den "dunklen Neuronen" festgestellt wurde. Auch wäre eine Einschätzung darüber wünschenswert gewesen, wie stark die Albuminaufnahme gegenüber den normalen physiologischen Bedingungen erhöht sein müsste, um derart massive neuronale Schäden zu verursachen.

Bei den nach 50 Tagen, d.h. nach mehr als 7 Wochen gefundenen Albuminspots kann es sich nicht um unmittelbar als Folge der EMF-Exposition übergetretenes Albumin handeln. Alle Proteine werden innerhalb der Zellen nach kurzer Zeit wieder abgebaut, so dass ursprünglich übergetretenes Albumin nach 50 Tagen keinesfalls mehr nachweisbar ist. Salford et al. schlagen daher nicht näher erläuterte "sekundäre Prozesse" als Spätfolgen der ursprünglich gesetzten Schädigungen vor. In der hier beschriebenen Arbeit von Fritze et al. sind jedoch 7 Tage nach Exposition mit 7,5 W/kg keine Albuminspots mehr auffindbar und es zeigen sich auch keine Anzeichen auf neuronale Schäden. Leider diskutieren Salford et al. diese widersprüchlichen Ergebnisse nicht.

Im Diskussionsteil der Studie fehlt generell die Auseinandersetzung mit Ergebnissen anderer Forschungsgruppen. Diese Diskussion wäre vor allem deshalb nötig, weil die Studie zwar ältere eigene Arbeiten bestätigt, aber im Widerspruch zu Ergebnissen anderer Forschungsgruppen steht.

Zusammenfassend kann man sagen, dass in der Studie Effekte beschrieben werden, die unter der Voraussetzung, dass sie reproduziert werden könnten, gesundheitlich relevant wären. Die Studie wird jedoch durch eine Reihe von Ungenauigkeiten und Unklarheiten bei der experimentellen Durchführung, der Auswertung und der Beurteilung der Ergebnisse geschwächt. Die in der Arbeit dokumentierte Nervenzellschädigung 50 Tage nach einer einmaligen, 2-stündigen, wesentlich unterhalb der Grenzwerte liegenden Mobilfunkexposition ist mit dem Gesamtbild der veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten nicht vereinbar. Da es sich aber um schwerwiegende Effekte handelt, wird die Studie trotz der Mängel als Hinweis auf gesundheitlich relevante Effekte unterhalb der Grenzwerte behandelt. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, die von Salford et al. präsentierten Ergebnisse in Wiederholungsstudien durch eine andere Forschungsgruppe unter Vermeidung der erwähnten Mängel v.a. bezüglich der Expositionsbedingungen zu überprüfen.

Im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms werden aus diesem Grund zwei Studien (in vitro, d.h. an einem Zellkulturmodell, und in vivo, d.h. im Tierversuch) zur Untersuchung des Einflusses hochfrequenter elektromagnetischer Felder auf die Blut-Hirn-Schranke durchgeführt. Parallel dazu sind auch in anderen Ländern Wiederholungsstudien geplant bzw. zum Teil bereits begonnen worden.

Literatur

Salford, L.G., Brun, A.E., Eberhardt, J.L., Malmgren, L., Persson, B. (2003); "Nerve cell damage in mammalian brain after exposure to microwaves from GSM mobile phones", Environmental Health Perspectives, 111, no. 7, 881-883

Martens, L, Van Hese J, De Sutter D, De Wagter C, Malmgren L, Persson BRR (1993); "Electromagnetic field calculations used for exposure experiments on small animals in TEM-cells", Bioelectrochem Bioenerg 30: 73-81

Malmgren L. (1998); "Radio Frequency Systems for NMR Imaging: Coil Development and Studies of Non-Thermal Biological Effects"; (PhD thesis); Lund, Sweden: Department of Applied Electronics, Lund University

Vohra BPS., James TJ, Sharma, SP, Kansal, VK, Chudhary, A., Gupta, SK (2002); "Dark neurons in the ageing cerebellum: their mode of formation and effect of Maharishi Amrit Kalash"; Biogerontology 3: 347-354

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