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Das Vorsorgeprinzip in der Informationsgesellschaft. Auswirkungen des Pervasive Computing auf Gesundheit und Umwelt (Lorenz Hilty et. al, TA-SWISS, TA 46/2003 August 2003, Bern)

Das Zentrum für Technologiefolgeabschätzung (TA-SWISS) veröffentlichte im September 2003 die Studie "Das Vorsorgeprinzip in der Informationsgesellschaft. Auswirkungen des Pervasive Computing auf Gesundheit und Umwelt". TA-SWISS ist an den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat angegliedert, welcher das beratende Organ des schweizerischen Bundesrates für alle Fragen der Wissenschafts-, Bildungs-, Forschungs- und Technologiepolitik ist. Mit der Durchführung der Studie war Lorenz Hilty, Professor für Nachhaltige Informationstechnologie an der EMPA St. Gallen beauftragt.

Ziel der Studie war eine umfassende Technikfolgenabschätzung der Entwicklungen im Bereich des Pervasive Computing. Pervasive Computing (im Folgenden mit "PvC" abgekürzt) wird dabei beschrieben als "(...) eine zukünftige Anwendungsform von Informations- und Kommunikationstechnologien, die durch Miniaturisierung und Einbettung von Mikroelektronik in andere Objekte sowie ihre Vernetzung und Allgegenwart im Alltag gekennzeichnet ist". Darunter ist z.B. die weitere Entwicklung der drahtlosen Vernetzung durch Mobilfunk zu verstehen, oder auch Entwicklungen in der Medizin, die eine Fernbetreuung von Patienten durch aktive Implantate, die medizinische Informationen senden, ermöglichen.

Inhalt

Die Studie stellt die Chancen sowie Risiken der möglichen Entwicklungen im Bereich PvC dar und gibt Empfehlungen für die Anwendung des Vorsorgeprinzips in der Informationsgesellschaft im Sinne eines frühzeitigen und vertieften Umgangs mit den technologischen Trends.

Das Vorsorgeprinzip dient dazu, in Situationen, in denen keine akute Gefährdung gegeben ist, auch solche Risiken zu minimieren, die sich möglicherweise erst langfristig manifestieren. Die Autoren unterscheiden dabei zwischen einer schwachen und einer starken Ausprägung des Vorsorgeprinzips. Die schwache Ausprägung besagt, dass Vorsorgemaßnahmen nur ergriffen werden, falls große irreversible (nicht rückgängig machbare) Risiken vorliegen könnten und deren wissenschaftliches Nachweisniveau hoch ist. Dem steht die starke Ausprägung gegenüber, nach der Vorsorgemaßnahmen schon dann ergriffen werden sollen, wenn spekulative Hinweise auf irgendeine Form eines Risikos vorliegen. Die Risiken müssen dabei nicht hoch und irreversibel sein. Verbunden mit dem Vorsorgeprinzip soll auch die Idee der Nachhaltigkeit den Umgang mit Technologien prägen. Das Nachhaltigkeitsprinzip geht von einer intergenerationellen Fairness aus - also der Erweiterung des Gerechtigkeitsprinzips auf zukünftige Generationen in dem Sinn, dass heutiges Handeln die Freiräume für zukünftiges Handeln möglichst nicht einschränken soll.

Die möglichen Entwicklungsperspektiven des PvC werden sehr detailliert aufgezeigt. Untersucht werden insbesondere die Anwendungsfelder Wohnen, Verkehr, Arbeit und Gesundheit, wobei jeweils der Einsatzbereich und die Marktenwicklung von PvC beschrieben sowie die weiteren Aussichten beurteilt werden. Die daraus entstehenden Chancen und Risiken werden für die Bereiche Gesundheit und Umwelt ermittelt.

Im Bereich Gesundheit stehen den zu erwartenden Vorteilen in der Medizin (z.B. Fernüberwachung chronisch Kranker durch implantierte Chips) die bislang noch ungenügend geklärten möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die elektromagnetischen Felder gegenüber. Mit der zunehmenden Durchdringung des Alltags durch Gegenstände, die auf Basis elektromagnetischer Felder funktionieren und zumeist relativ nah am Körper getragen werden, wird die Exposition des Einzelnen insgesamt zunehmen. Aufbauend auf der Darstellung des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes über gesundheitliche Beeinträchtigungen durch elektromagnetische Felder fordern die Autoren weitere Forschung zu ausgewählten Themen.

Bezogen auf die Auswirkungen für die Umwelt wird darauf hingewiesen, dass die zu erwartenden Einsparungen im Materialverbrauch - die Elektronikkomponenten werden immer kleiner und leichter - möglicherweise (über-)kompensiert werden. Eine Rolle spielen hier sowohl die wachsende Zahl an Gegenständen, die mit Elektronik durchsetzt sind, als auch veränderte Verhaltensweisen, die zu einem gesteigerten Verbrauch dieser Komponenten führen können. Ein solcher "Rebound-Effekt" ist auch für den Bereich der Energie absehbar.

In einer zusammenfassenden Bewertung der Chancen und Risiken des Pervasive Computing kommen die Autoren zu dem Schluss, dass eine frühzeitige und fundierte Technikfolgenabschätzung erforderlich ist, um die Chancen des PvC so weit wie möglich hervor zu heben und die Risiken so gering wie möglich zu halten. Dementsprechend wird das Vorsorgeprinzip in Form von Empfehlungen für einen frühzeitigen und vertieften Umgang mit technologischen Trends präzisiert. Diese Empfehlungen richten sich an die Bereiche Politik, Forschung, Ausbildung und Unternehmen verschiedener Branchen. Sie zielen auf verschiedene Handlungsebenen ab - vom individuellen Umgang mit technologischen Entwicklungen und Neuheiten bis hin zu staatlichen Maßnahmen - und zeigen so differenzierte Handlungs- und Maßnahmenebenen auf.

Bewertung des BfS

Das hier zugrundeliegende Verständnis des Vorsorgeprinzips bietet die Möglichkeit, bereits im Vorfeld technologischer Entwicklungen verschieden charakterisierte Risiken zu identifizieren und sie aufgrund der Bennennung der zentralen Handlungsfelder und Akteure pro-aktiv anzugehen. Vorsorge bezieht sich dabei nicht nur auf mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen durch die zu erwartende zunehmende Exposition mit nichtionisierender Strahlung, sondern meint vielmehr eine umfangreiche Abwägung der Wirkungsreichweite technologischer Entwicklungen in verschiedenen Bereichen insbesondere unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Aspekte.

Die damit verbundene frühzeitige Einbindung gesellschaftlicher Gruppen im Sinne einer partizipativen (Partizipation: Beteiligung, Teilnahme) Technikfolgenabschätzung trägt dazu bei, rechtzeitig gesellschaftlich relevante Themen aufzudecken und Diskussions- bzw. Informationsbedarf frühzeitig zu ermitteln. Mögliche Konfliktsituationen können so bereits im Vorfeld herauskristallisiert und deren Eskalation vermieden werden. Der bewusste Umgang der Bevölkerung mit möglichen Risiken kann dadurch gefördert werden.

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