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Kurzprotokoll des internationalen Fachgesprächs zu Forschungsprojekten des DMF zum Themenkomplex „Langzeiteffekte”

Am 11. und 12. Oktober 2007 fand im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms (DMF) der fünfte und letzte internationale Fachworkshop statt, auf dem vor allem tierexperimentelle Langzeitstudien und epidemiologische Studien, die sich mit Langzeiteffekten hochfrequenter elektromagnetischer Felder des Mobilfunks befassen, vorgestellt und diskutiert wurden.

In den biologischen Studien wurden u. a. Auswirkungen chronischer HF-Exposition auf die Blut-Hirn-Schranke, auf das Stress- und Immunsystem, Kognition, Tinnitus, Fortpflanzung und Entwicklung sowie auf die Entwicklung von Leukämie in einem speziellen Tiermodell untersucht. Im epidemiologischen Teil wurden u. a. die deutschen Teilergebnisse der INTERPHONE-Studie, vorläufige Daten einer umfassenden Studie zum Uvealmelanom und der Stand einer Fall-Kontroll-Studie zu kindlicher Leukämie um Radio- und Fernsehsender präsentiert.

Die Gesamtbewertung aller Forschungsprojekte wird Juni 2008 ebenfalls unter internationaler Beteiligung stattfinden.

Das Programm des Fachgesprächs kann dem als PDF-Datei vorliegenden Faltblatt entnommen werden.

Ein ausführlicher Bericht wurde vom Rapporteur des Workshops, Herrn Prof. Foster, Department of Bioengineering der Universität Philadelphia erstellt, dem hierfür unser besonderer Dank gilt. Der Bericht liegt zum Download als PDF-Datei vor.

Die im folgenden aufgeführten Vorträge stehen zum Download als PDF-Datei bereit.

Session 1
Blut-Hirn-Schranke
Influence of GSM and UMTS on the Blood Brain Barrier in vitro – additional results H. Franke
Effects of head only exposure to GSM-1800 or UMTS on the Blood-Brain-Barrier in vivo I. Lagroye
Effects of chronic whole body exposure to GSM or UMTS on the Blood Brain Barrier / in vivo M. Stohrer
Session 2
Langzeiteffekte im Tiermodell
Effects of chronic whole body exposure to GSM or UMTS on learning and memory in vivo M. Bornhausen
Effects of chronic whole body exposure to GSM or UMTS on immune response and stress C. Wöhr
Influence of HF-EMF of mobile communication systems on the induction and course of phantom auditory experience (tinnitus) M. Knipper/ L. Rüttiger
Influence of high frequency electromagnetic fields on spontaneous leukaemia and on the metabolic system A. Lerchl
Influence of chronic exposure to high frequency electromagnetic fields on fertility and development in vivo A. Lerchl
Session 3
Epidemiologische Studien – Erwachsene
Feasibility of a cohort study of persons exposed to high frequency electromagnetic fields in an occupational setting in Germany J. Breckenkamp
International prospective cohort study on mobile phone users (COSMOS) M. Blettner
B. Schlehofer
G. Berg
Session 4
Kinder – altersabhängige Effekte
Case-control study on childhood leukaemia and proximity to radio and television transmitters H. Merzenich/
S. Schmiedel
Investigation of age-dependent effects of HF-EMF based on relevant biophysical and biological parameters – a realistic model of children´s head and source of RF-radiation A. Christ

Die Diskussionen zu den einzelnen Teilveranstaltungen standen unter folgenden Fragestellungen:

  1. Wie war die Situation vor dem Beginn des DMF
  2. Was wurde durch die Projekte erreicht?
  3. Wo bestehen nach wie vor Kenntnislücken?
  4. Können Minimalstandards für die weitere Arbeit definiert werden?
  5. Wurden Ergebnisse erzielt, die Auswirkungen auf Richtlinien oder auf die Normgebung haben?

Nach Abstimmung mit den Teilnehmern des Fachgesprächs können folgende Ergebnisse der Diskussionen festgehalten werden:

Wie war die Situation vor dem Beginn des DMF

  • Es lagen aus nicht reproduzierten Studien (in vitro und in vivo) Hinweise vor, dass HF-EMF negativ auf die Blut-Hirn-Schranke und auf Nervenzellen einwirken könnten.
  • Aus einer tierexperimentellen Studie an Mäusen lagen Hinweise darauf vor, dass eine chronische Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (900 MHz) die Lymphominzidenz erhöhen könnte.
  • Aus der Bevölkerung wurde die Besorgnis bezüglich möglicher Hörschäden und der Auslösung von Tinnitus geäußert und einige Publikationen zeigten mögliche physiologische Effekte von HF-EMF auf das akustische System, das bei der Nutzung von Mobiltelefonen am stärksten exponiert ist.
  • Aus nicht reproduzierten tierexperimentellen Studien lagen Hinweise darauf vor, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung die Endpunkte Lernen und Kognition negativ beeinflussen könnte.
  • Es fehlten tierexperimentelle Langzeitstudien über mehr als eine Generation hinweg, vor allem zum neuen Mobilfunkstandard UMTS, dessen Signalcharakteristik sich von der GSM-Signalcharakteristik unterscheidet.
  • Aus einer epidemiologischen Studie lagen Hinweise vor, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung das Risiko erhöhen könnten, ein Uvealmelanom zu entwickeln.
  • Es lagen Hinweise aus epidemiologischen Studien vor, dass die Nutzung von Mobiltelefonen   selbst bei einer relativ kurzen Nutzungsdauer von weniger als 10 Jahren   das Risiko erhöhen könnte, Hirntumore zu entwickeln.
  • Ebenfalls aus epidemiologischen Studien lagen Hinweise darauf vor, dass HF-Strahlung von Radio- und Fernsehsendern mit einem erhöhten Risiko assoziiert sein könnte, an kindlicher Leukämie zu erkranken.
  • Es bestand generell die Besorgnis, dass Kinder besonders empfindlich gegenüber negativen Wirkungen hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung sein könnten.

2. Was wurde durch die Projekte erreicht?

  • Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Salford bezüglich einer erhöhten Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke und der Entstehung sogenannter „Dunkler Neurone“ nach einer einmaligen, 2-stündigen HF-Exposition nach Mobilfunkstandard (GSM und UMTS) wurden nicht bestätigt. In einer tierexperimentellen 3-Generationen-Studie an Ratten wurde keine Beeinflussung der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke oder von CA1-Neuronen gefunden. Aber: bei einer über mehrere Wochen hinweg wiederholten Kopfbefeldung traten bei einem SAR-Wert von 13 W/kg unter GSM-Befeldung Effekte auf. Dieses Ergebnis müsste unabhängig bestätigt werden. Für eine Diskussion möglicher Effekte auf Genexpression muss die vollständige RT-PCR-Analyse einer laufenden in vitro Studie abgewartet werden.
  • Es wurden keine Hinweise auf die Induktion von Tinnitus im Tiermodell gefunden, weder in Verhaltenstests noch auf molekularer Ebene (Expression Tinnitus-spezifischer Gene).
  • Die Entwicklung von Lymphomen wurde in einem speziellen Tiermodell, der AKR-Maus untersucht. Unter Langzeitexposition mit GSM oder UMTS (SAR 0.4 W/kg) traten keine Unterschiede zwischen exponierten Tieren und Kontrollen auf. Bezüglich der Frage einer Gewichtszunahme bei GSM-exponierten Tieren sind die Ergebnisse der laufenden Metabolismus-Studie abzuwarten.
  • Eine 4-Generationen-Studie an chronisch UMTS-exponierten Mäusen war noch nicht vollständig ausgewertet. Aus den vorliegenden vorläufigen Ergebnissen ergaben sich keine Hinweise auf negative Effekte auf Fortpflanzung und Entwicklung.
  • Vorläufige, noch zu validierende Ergebnisse aus einer dosimetrischen Studie an anatomischen Kopfmodellen von Kindern ergaben Hinweise darauf, dass in einigen Regionen des kindlichen Kopfes höhere SAR-Werte auftreten als im Erwachsenen-Modell. Diese Ergebnisse sind zu validieren, die Endergebnisse der laufenden Studie sind abzuwarten.
  • In einer durchgeführten Machbarkeitsstudie wurden keine geeigneten Kohorten für eine epidemiologische Studie mit beruflich hoch HF-exponierten Personen gefunden.
  • In einer weiteren Machbarkeitsstudie wurde die Möglichkeit geprüft, sich an einer internationalen prospektiven Kohortenstudie an Mobilfunknutzern (COSMOS) zu beteiligen. Aufgrund geringer Teilnahmebereitschaft, aufwändiger Expositionserfassung und Schwierigkeiten bei der Verfolgung bestimmter Endpunkte ließ sich die deutsche Teilnahme an dieser Studie im Rahmen des DMF nicht realisieren.
  • Die Teilnahme an der internationalen Fall-Kontroll-Studie zu Hirntumoren (INTERPHONE) hat wertvolle Informationen erbracht. In den nationalen Teilstudien wurde übereinstimmend gezeigt, dass das Risiko von Mobilfunknutzern, an einem Hirntumor zu erkranken, für die Nutzergruppe bis 10 Jahre nicht erhöht ist. Für eine Beurteilung der Langzeitnutzergruppe (über 10 Jahre) müssen die Daten der Teilnehmerländer zusammengefasst ausgewertet werden.
  • Es wurde ein verbessertes Studiendesign entwickelt, um das Risiko kindlicher Leukämie in der Nähe von Radio- und Fernsehsendern zu untersuchen. Ergebnisse der laufenden Fall-Kontroll-Studie sind abzuwarten.

Es wurde die Frage diskutiert, inwieweit die Möglichkeiten eines weiteren Erkenntnisgewinns für den Strahlenschutz mit soliden wissenschaftlichen Methoden ausgeschöpft sind. Eine klare Antwort gab es nicht. Mehrere Teilnehmer machten jedoch deutlich, dass das übliche „mehr Forschung nötig“ zu hinterfragen sei. Es wurde die Notwendigkeit gesehen, Bilanz zu ziehen und existierende Ergebnisse sorgfältig zu überprüfen und zu bewerten bevor weitere Untersuchungen initiiert werden.

3. Wo bestehen nach wie vor Kenntnislücken?

  • Zunehmende Bedeutung wurde für die Bereiche Risikokommunikation und verbesserte Information der Öffentlichkeit gesehen.
  • Von einigen Teilnehmern wurde vorgeschlagen, Finanzmittel eher in Registersysteme, z. B. Krebsregister, statt in weitere Forschung zu investieren.
  • Von einigen Teilnehmern wurde vorgeschlagen, Hinweise auf Veränderungen der Genexpression (z. B. aus der in vitro Studie zur Blut-Hirn-Schranke) weiter zu verfolgen. Sofern sich jedoch aus dem Gesamtbild kein klarer Hinweis auf eine gesundheitliche Relevanz dieser Effekte ergibt, wären derartige Untersuchungen der Grundlagenforschung zuzuordnen.
  • Die Frage der Gesamtexposition durch multiple Strahlenquellen ist weiter zu verfolgen. Einzelne Teilnehmer vertraten – basierend auf der generellen Möglichkeit eines unbekannten Wirkmechanismus - die Auffassung, dass es nicht möglich sei, von einem Expositionstyp auf einen anderen zu schließen und dass daher jede Frequenz bzw. jede Veränderung in der Strahlungscharakteristik gesondert zu testen sei. Andere Teilnehmer argumentierten dagegen, dass das etablierte dosimetrische Maß für die Risikobewertung, der SAR-Wert, nach derzeitigem Kenntnisstand eine Extrapolation über die Exposition durch unterschiedliche Quellen erlaubt. Es sei schwierig vorherzusagen, ob künftig ein wissenschaftlicher Durchbruch dazu führen werde, Mechanismen zu identifizieren, die eine Extrapolation über verschiedene Expositionscharakteristiken ausschließen. Betrachtet man die bereits vorliegende umfangreiche Arbeit zu diesem Punkt, sei man diesbezüglich jedoch nicht optimistisch.
  • Die Frage altersabhängiger Wirkungen und die besondere Empfindlichkeit von Kindern wird weiter zu untersuchen sein. Gleiches gilt für Wirkungen über sehr lange Zeiträume, sowohl im Hinblick auf die geringe aber chronische Exposition durch ortsfeste HF-Anlagen als auch auf die Langzeitnutzung von Mobiltelefonen oder anderen leistungsstarken, am Körper getragenen Endgeräten.

4. Können Mindestanforderungen für die weitere Arbeit definiert werden?

  • Nicht jeder in einem lebenden, auf interne und externe Reize reagierenden biologischen System beobachtete isolierte Effekt hat notwendigerweise gesundheitliche Relevanz. Die physiologische Bedeutung eines Effekts ist zu diskutieren und ggf. durch weiterführende Untersuchungen zu belegen.
  • Qualitativ hochwertige Statistik ist die wichtigste Voraussetzung für zukünftige Untersuchungen, um die Möglichkeit falsch negativer oder falsch positiver Ergebnisse beurteilen zu können.

5. Wurden Ergebnisse erzielt, die Auswirkungen auf Richtlinien oder auf die Normgebung haben?

Bisher nicht, allerdings müssen die laufenden Studien abgewartet werden.

Der englische Originaltext "Conclusions from the DMF Workshop on Long term effects" liegt hier zum Download als PDF-Datei vor.

Publikationen aus den auf diesem Workshop vorgestellten Projekten:

Sommer A.M., Streckert, J., Bitz, A.K., Hansen, V., Lerchl, A. (2004) No effects of GSM-modulated 900 MHz electromagnetic fields on survival rate and spontaneous development of lymphoma in female AKR/J mice, BMC Cancer 4:77, URL http://www.biomedcentral.com/1471-2407/4/77

Sommer A.M., Streckert, J., Bitz, A.K., Hansen, V., Lerchl, A (2007) Lymphoma Development in Mice Chronically Exposed to UMTS-Modulated Radiofrequency Electromagnetic Fields, Radiation Research 168, 72-80

Schüz J, Böhler E, Berg G, Schlehofer B, Hettinger I, Schlaefer K, Wahrendorf J, Kunna-Grass K, Blettner M (2006) Cellular Phones, Cordless Phones, and the Risks of Glioma and Meningioma (Interphone Study Group, Germany), Am. J. Epidemiol. 63(6):512-520

Schüz J, Böhler E, Schlehofer B, Berg G, Schlaefer K, Hettinger I, Kunna-Grass K, Wahrendorf J, Blettner M (2006) Radio frequency electromagnetic fields emitted of DECT cordless phones and risk of glioma and meningioma (Interphone study group, Germany), Radiat. Res. 166: 116-119.

Berg G, Spallek J, Schlehofer B, Böhler E, Schlaefer K, Hettinger I, Kunna-Grass K, Wahrendorf J, Blettner M (2006) Occupational exposure to radio frequency/microwave radiation and the risk of brain tumors: Interphone Study Group, Germany. Am. J. Epidemiol 164: 538-48.

Berg G, Breckenkamp J, Blettner M. Gesundheitliche Auswirkungen hochfrequenter Strahlenexposition. Dt. Ärzteblatt 2003: Heft 42: A 2738

Breckenkamp J, Berg G, Blettner M (2003). Biological effects on human health due to radiofrequency/microwave exposure: a synopsis of cohort studies. Radiat Environ Biophys: 42: 141-154.

Schmidt-Pokrzywniak A, Jöckel KH, Bornfeld N, Stang A. Case-control study on uveal melanoma (RIFA): Rational and design. BMC Ophthalmology 2004; 4:1-9. Stang A, Schmidt-Pokrzywniak A, Lehnert M, Parkin DM, Ferlay J, Bornfeld N, Marr A, Jöckel KH. Population-based incidence estimates of uveal melanoma in Germany: Supplementing cancer registry data by case-control data. Eur J Cancer Prev. 2006 Apr;15(2):165-170.

Merzenich H, Schmiedel S, Bennack S, Brüggemeyer H, Phillipp J, Spix C, Blettner M, Schüz J. Leukämie bei Kindern in der Umgebung von Sendestationen des Rundfunks – Anforderungen an das Studiendesign. Umweltmed Forsch Prax 2007, 12: 213-223.

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